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Kimko: Das Kunstprofil intermediale Kommunikation in Baden- Württemberg

Alexej Georgijewitsch Jawlensky – Heilandsgesichter

„Ist der da mit dem Pinsel ausgerutscht?“ – Diesen Kommentar habe ich im Internet zu diesem Beitragsbild gefunden. Wie viele andere auch war der Verfasser dieses Kommentars vermutlich Anhänger des Naturalismus.

Herzlich Willkommen zu diesem Blog,

dieser Artikel handelt jedoch nicht von einem Bild aus der Zeit des Idealismus, sondern von einer gegensätzlichen Epoche – dem Expressionismus.

Wie Du in anderen Blog-Artikeln vielleicht schon gelesen hast, haben wir Kimko-Schüler im Unterricht das Thema Gemälde bearbeitet. Unsere Aufgabe war es, uns ein Gemälde auszusuchen, es photographisch nachzustellen und unser nachgestelltes Werk dann zu malen. Einen weiteren interssanten Artikel zu diesem Thema findest Du hier.

Dabei haben wir aus dem vorigem Schuljahr wiederholt, worauf bei einer Werkbetrachtung zu achten ist.

Ich persönlich habe jetzt ein ganz anderen Blick auf Bilder allgemein. Zu wissen, was einzelne Gestaltungsmittel bedeuten könnten und die Tatsache, dass sie gleichzeitig auch irgendetwas anderes bedeuten könnten, macht die Kunst für mich viel mysteriöser und interessanter.

Wir werden uns in diesem Artikel den Unterpunkt Farbe bei der Analyse eines Bildes näher anschauen. Erläutern möchte ich dies am Bild „Heilandsgesicht, Ferne Hohheit – Buddha II:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3c/Alexej_von_Jawlensky_-_Heilandsgesicht%2C_Ferne_Hohheit_-_Buddha_II.jpg

Erst dachte ich mir, dass dieses Gemälde nicht viel hätte, das man beschreiben könnte oder mehr in die Tiefe geht. Auf den zweiten Blick sind mir die kräftigen Farben aufgefallen und ich fragte mich, wieso der Künstler gerade diese Farben so wie auf dem Bild benutzt hat. Dadurch erschien mir das Bild mysteriös und düster.

Der Schöpfer, der dieses geheimnisvolle Werk geschaffen hat, heißt Alexej Georgewitsch von Jawlensky.

Self-portrait, 1912 - Alexej von Jawlensky

Bild 1           Selbstportrait von Alexej

Zu einem anderen Bild von Alexej haben wir bereits im Unterricht eine Werkbetrachtung verfasst. Dabei handelt es sich um das Portrait von dem Tänzer Alexander Sacharoff, das ebenfalls über die Farben sehr aussagekräftig ist. Das Bild für diesen Blog habe ich ausgewählt, ohne zu wissen, dass ich den Künstler bereits kenne.

Verschiedene Quellen geben unterschiedliche Maße für dieses Kunstwerk an. Einmal ist es 30,8 x 24 cm groß, ein anderes Mal 36 x 26.6 cm. Für dieses Portrait wurde mit Stift und Öl auf Leinen gearbeitet. Da kein Teil des Rumpfes zu sehen ist, sondern nur der Kopf und ein Halsabschnitt, handelt es sich um ein Kopfbild. Zusammen haben diese Elemente fast keinen Platz zum Rand des Hochformats.

Jedoch ist nicht der komplette Kopf, sondern nur das frontale Gesicht zu erkennen. Der Gesichtsausdruck.

Die Mundwinkel sind weder angehoben noch hängend. Der Mund fällt rechts im Bild ein wenig nach unten. Hängende Mundwinkel können ein Zeichen für Traurigkeit oder fortgeschrittenes Alter sein. Die Nase wird von links betrachtet und normal (wie bei einem neutralem Gesichtsausdruck). Sie besteht aus einer längeren vertikalen und einer kürzeren horizontalen Linie, die etwa im rechten Winkel zu einander stehen. Die Augen sind geschlossen, die Schlitze wirken nicht zusammengekniffen, sondern ruhig und entspannt geschlossen. Sie haben ebenfalls eine leichte Steigung und verlaufen von weiter links-unten nach weiter rechts-oben. Außerdem liegen sie etwa ein Drittel vom oberen Rand entfernt (Goldener Schnitt). Die rechte Augenbraue liegt nah über dem Auge und verläuft parallel zur Mundlinie, während die Augenbraue über dem linken Auge nach oben gezogen ist und einem Bogen folgt. Wie die Augen verläuft dieser Bogen von links-unten nach rechts-oben.

Die Haare sind in einem Scheitel, der etwa in der Mitte liegt, geteilt und gehen über die Stirn seitlich aus dem Bild heraus. Auf den Haarflächen, von denen keine Strähne aus absteht, befinden sich zwei Kreuze. Die waagerechte Linie des rechten Kreuzes folgt der Umrisslinie der Haare und es scheint, als ob diese den Verlauf der einzelnen Haare beschreibt. Die Ohren und der Halsabschnitt sind durch leichtere Linien angedeutet. Von den Ohren gehen schwarze, wellenförmige Linien ab, die als Haare oder Ohrringe gedeutet werden können. Insgesamt ist die Gesichtsform nicht sehr realistisch. Die Länge ist im Verhältnis zur Breite zu lang. Dadurch, dass die Nase in die Länge gezogen ist, haben die Gesichtselemente einen realistischen Abstand zum Rand und zueinander. Das Gemälde hat einen Rand, der etwa so dick ist, wie die verwendeten Linien im Bild.

Welche Farben wie verwendet wurden, schauen wir uns jetzt genauer an.

Das Bild insgesamt hat einen koloristischen Eindruck, d.h. es beruht auf einer buntfarbigen Farbpalette und die Farbe wurde als vorrangiges Gestaltungsmittel eingesetzt. Durch die vielen, unterschiedlichen Farben entsteht etwas Verspieltes.

Mir persönlich springt als erstes die rote Farbe ins Auge. Vor allem an der linken Augenbraue ist die Leuchtkraft sehr hoch, da sie dort nicht getrübt (Ausmischen) oder gedämpft (Ausmischen mit einer anderen Farbe) wurde. Die verwendeten, bunten Farben sind Grün, Gelb, Rot (Mund), (Dunkel-) Rot, Orange (Wangen), Rot, Türkis, Lila (Augen), Grün, Gelb-Orange, Gelb, Rot (Augenbrauen). Jedoch wurde nie der gleiche Farbton verwendet, sie sind entweder mehr oder weniger getrübt bzw. gedämpft. Dadurch, dass es keine Wiederholungen gibt, entsteht keine Langeweile, aber auch kein Bezug zueinander. Außerdem wurden an den Rändern der Haarfläche, der Ohren, der Kieferpartie und des Halses getrübte Türkis- und Rosa-Rot-Töne verwendet. Dies wirkt weniger auffällig und sie fallen nicht direkt auf den ersten Blick auf.

In der linken Gesichtshälfte ist der Hautton, das Weiß, zumindest überhalb der Mundpartie, nicht mit einer anderen Farbe (z.B. Schwarz) abgedunkelt worden und besitzt eine hohe Helligkeit. Im Gegensatz dazu wurde es in der linken Bildhälfte stellenweise mit der Farbe Schwarz zu einem Grau gedämpft und hat so an Intensität verloren.

Ein Grund, warum Weiß als Grundton verwendet wurde, könnte sein, das Reinheit und Vollkommenheit vermittelt werden sollten. Außerdem hat Weiß eine illusionäre Wirkung. Die Abstufung in Grautöne ist eine Erscheinungsfarbe, das Gesicht ist an dieser Stelle ebenfalls weiß, wird aber aufgrund eines niedrigeren Lichteinflusses dunkler. Unser Gehirn interpretiert dabei Plastizität und das Bild bekommt für uns eine räumliche Wirkung. Die pinken und türkisnen Farbbereiche erzeugen die gleiche Wirkung. An diesen Stellen wurde das Weiß jedoch nicht mit Schwarz, sondern mit bunten Farben verdunkelt. Diese sollen als Ausdrucksfarben dienen, sie entsprechen nicht realen Gegebenheiten, sondern haben ihren Ursprung in einem individuellem, vom Künstler gewähltem Ansatz, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Rot-Töne sind sehr gefühlvoll, sie können für Aktivität, Leidenschaft und Tatendrang stehen. Im Kontrast dazu stehen Blau-Töne, die mit Harmonie, Zufriedenheit und Ruhe in Verbindung gebracht werden. Wie jeder Kontrast bringt dieser Spannung und Dynamik ins Kunstwerk.

Die bunten Farben der Gesichtselemente entsprechen ebenfalls nicht realen Bedienungen und sind Ausdrucksfarben. Sie stehen nicht nur im Aussehen, sondern auch in ihrer Wirkung im Kontrast, ziehen dadurch Aufmerksamkeit auf sich und erzeugen Spannung. Die einzelnen Farben sind jede für sich ein Auslöser für alle möglichen Gefühle, die individuell interpretiert werden.

Visuelle Kontraste sind der Komplementärkontrast zwischen Rot und Grün am Mund, sowie der Kalt-Warm- Kontrast unter dem rechten Auge. Ein großer Kontrast ist der Hell-Dunkel-Kontrast zwischen Schwarz und Weiß. Der große Unterschied dient zur Verdeutlichen, da die Linien für unser Auge so leichter zu erkennen sind.

Das Bildnis insgesamt ist schwarz umrahmt und wirkt dadurch eingeschlossen. Das Bild geht nicht über den Bildrand hinaus.

Gemalt wurde das Kunstwerk in einem linearem Stil. Es gibt geschlossene und begrenzte Formen. Umrisslinien sind klar zu erkennen und nur leichte Übergänge an wenigen Stellen zu erkennen, die einen Helligkeitsverlauf zeigen. Dadurch wirkt es geordnet und strukturiert, verliert jedoch an Realität.

Der Farbauftrag ist sehr deckend. Der Untergrundton der Leinen ist nicht zu erkennen. Es ist zu vermuten, dass das gesamte Werk die Farbe Weiß als Grundton hat. Dies verstärkt die geordnete Wirkung der Malweise.

Allein die Farbe im Bild kann auf viele Weisen gedeutet werden, dass nur der Künstler die exakte Botschaft kennt, die es mitteilen soll. Nach der Analyse bestätigt sich mein erster Eindruck für mich. Je länger ich das Bildnis betrachte, desto mehr fällt mir dazu ein, wie man es deuten könnte.

Mit anderen Gemälden zusammen gehört es einer Serie an. Wie schon im Titel versteckt, heißt sie „Heilandsgesicht“. Ein weiteres Bild dieser Serie heißt „Märtyrer“:

Saviour's face: Martyr, 1919 - Alexej von Jawlensky

Bild 2

Der Märtyrer entstand im Jahre 1919 (drei Jahre vorher). Die beiden Bilder sind in mehreren Details gleich oder ähnlich. Viele Umstände zu dieser Zeit sind nicht bekannt, die Serie gehört nicht zu seinen erfolgreichsten Werken. In meinen Recherchen habe ich nichts dazu gefunden, dass Alexej die Gemälde für einen Auftraggeber oder bestimmten Anlass waren. Zu vermuten ist, dass sie für seinen privaten Gebrauch gefertigt hat.

 

Alexej von Jawlensky war ein gebürtiger Russe, der später die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte und bekam. Um die Entstehungszeit der Gemälde war er gerade von der Schweiz nach Deutschland gezogen. Zu dieser Zeit befand sich Deutschland in Mitten von Krisen der Weimarer Republik. Die Künste dieser Zeit konnten erstmal frei von Zensur zur Entfaltung gelangen. Vielen Künstler nutzen dies um Gesellschaftskritik an den Missständen zu zeigen. Der Titel „Ferne Hoheit“ gleicht möglicherweise einem Hilferuf zu einem fernem Erlöser, der die Menschen von den Qualen dieser Zeit befreien könnte.

Alexej war in der Kunstepoche Expressionismus (lat. expressio = „Ausdruck“) tätig. Wie andere Epochen sträubte sie sich gegen die Tendenzen des Naturalismus. Expressionisten wollten den Betrachter emotional bewegen und innerlich ansprechen. Oftmals versuchten sie persönliche Erlebnisse darzustellen. Eine spontane Pinselführung führte vorwiegend zu groben Formen, wie es auch in dem Bild der Fall ist, das wir uns näher angeschaut haben. Kräftige Farben sind ein bedeutendes Mittel für den Ausdruck und eigene, abstrakte Interpretationen der Wirklichkeit werden geschaffen.

Nach unzähligen Überlegungen über die Bedeutung des Bildes würde ich mich gerne mit Alexej über sein Werk unterhalten. Wie bei vielen beeindruckenden Künstlern ist das nicht möglich und es bleibt uns nur zu spekulieren, was ihre Gedanken waren.

Bei Fragen zu diesem Artikel oder zu Kimko allgemein, kannst Du gerne die Kommentarfunktion nutzen. Ich hoffe, dass Dir der Artikel gefallen hat und wir uns bald wieder sehen! 🙂

Bildquellen:

Beitragsbild: Heilandsgesicht, Ferne Hohheit – Buddha II

von Alexej Georgijewitsch Jawlensky

Bild 1: Selbstportrait

von Alexej Georgijewitsch Jawlensky

Bild 2: Heilansgesicht, Märtyrer

von Alexej Georgijewitsch Jawlensky

Textquellen: (zuletzt abgerufen, 01.03.2018)

https://www.wikiart.org/en/alexej-von-jawlensky/saviour-s-face-martyr-1919

https://de.wikipedia.org/wiki/Alexej_von_Jawlensky#In_Deutschland_1921%E2%80%931941

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/kunst-und-kultur.html

https://www.kunst-zeiten.de/Expressionismus-Allgemein

 

Autorin: LR (Schülerin)

 

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