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Kimko: Das Kunstprofil intermediale Kommunikation in Baden- Württemberg

Vogelflug

7.07.1_bearbeitet-1

Ich, Evna Satunaly, schaffe das! Schau bloß nicht nach unten! Ich weiß ganz genau, dass ich Höhenangst habe, aber trotzdem schaffe ich es. Na los. Die Paradiesvögel brauchen mich jetzt. Jetzt habe ich mich schon so weit vorgekämpft.

Es gibt kein Zurück mehr. Meine Familie hat sich von mir abgewandt und der Staat verfolgt mich. Trotzdem habe ich alles richtig gemacht. Ich war die Einzige, die sich gegen den Staat gewandt hat; ich war die Einzige, die für das Richtige gekämpft hat und, die nicht aufgegeben hat. Ich habe alle Menschen gesehen, die im Strom an mir vorbei trieben. Wie sie alles, was der Staat sagte, auffraßen wie Tiere und alles blind glaubten. Wie jeder Einzelne, der nicht kooperierte, plötzlich verschwand und kurz darauf für tot erklärt wurde. Ich habe gesehen, wie die Welt unterging, wie alle Pflanzen zerstört und alle Tiere einfach ausgelöscht wurden. Ich musste mit ansehen, wie mein Hund erschlagen wurde und dass alles nur, weil es immer weniger Sauerstoff zum Atmen gab und jedes Lebewesen, das kein Mensch war, zu viel Sauerstoff verbrauchte. Denn nachdem es auf der ganzen Welt nur noch wenige Hektar Wald gab, konnte nicht mehr genügend Luft gesäubert werden und auch die Reinigungsmaschinen halfen nicht. Die einzigen Tiere, die noch blieben, waren wenige Paradiesvögel, von denen es, als meine Eltern noch klein waren, ganze Scharen gegeben haben soll.

Und diese versuche ich jetzt zu retten, denn sie sind eingeschlossen in großen Käfigen des Staates und wenn ich mich nicht beeile, dann sind sie bald auch tot wie mein kleiner Hund, der beim letzten Schlag noch einmal leise winselte.

Nach dem Mord an meinem Hund konnte ich nicht länger zusehen wie der Staat die Welt noch mehr kaputt machte. Ich wollte etwas unternehmen. Ich erfuhr von den letzten Paradiesvögeln und mir war sofort klar, dass ich sie retten muss. Bei den Versuchen meinen Plan in die Tat umzusetzen, musste ich allerdings feststellen, dass der Staat auch schon Besitz von meiner Familie ergriffen hatte.  Deshalb verriet mich meine Familie als Staatsfeind an die Regierung. Zum Glück gelang es mir, zu fliehen und jetzt bin ich hier bei den Paradiesvögeln und will sie befreien.

Ich bin am ersten Käfig angekommen und versuche ihn leise zu öffnen. Als das Schloss mit einem Klick aufspringt, erwachen die Vögel; nicht nur im Käfig, den ich gerade mit Mühe aufgebrochen habe, sondern in allen Käfigen.

Hoffentlich machen sie keinen Lärm, denke ich. Doch diese Sorge brauche ich nicht zu haben: alle Vögel sitzen still in ihren Käfigen und beobachten mich, als ob sie genau wüssten, was auf dem Spiel steht. Ich klettere von Käfig zu Käfig und öffne sie. Alles läuft gut. Ich bin am letzten Käfig. Da! Das Schloss ist mir aus der Hand gefallen! Es fällt in die Tiefe und ich höre keinen Aufschlag. Auch die letzten Vögel fliegen aus ihrem Käfig. Ich schaue ihnen lange nach, bis ich sie in der Ferne nicht mehr erblicken kann. Dann drehe ich mich wieder zum Käfig und sehe das ein kleiner Paradiesvogel in den Gitterstäben feststeckt. Ich steige hinein und helfe dem Vogel heraus. Auch dieser fliegt der Abendsonne entgegen; seinen Artgenossen hinterher.

KRACH. Die Tür – sie ist einfach zu gefallen. Tränen laufen mir über die Wange. Jetzt bin ich auch ein Paradiesvogel, eingeschlossen in einem Käfig. Ich habe das Gefühl, ich werde von innen zerrissen. Meine Lunge braucht mehr Platz, doch die Rippen machen keinen. Alles was um mich geschieht bekomme ich nicht mehr mit. Alles was ich merke ist das schmerzen in der Brust und das bedrückende Gefühl ganz klein zu sein. Das erste Mal im Leben hat der Staat mich in der Hand und ich kann nichts tun. Jetzt bin ich der kleine, schwache Paradiesvogel des Staates, der ich niemals sein wollte.

Dieses Gefühl eingeschlossen zu sein kennt jeder, vielleicht in einem Käfig, vielleicht aber auch in seine eigenen Körper, oder? Meist liegt es daran, dass ein Fehler gemacht wurde. Habe ich einen Fehler gemacht? Oder war es der Staat, der die Welt kaputt gemacht hat?

 

Autorin: ACWB (Schülerin)

Bild von der Autorin

Creative Commons Lizenzvertrag
Vogelflug von Ann-Christin Wiener-Balzer ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Juli 11, 2016 von in -Kl.8 2015/16, Projekte, Sonstiges und getaggt mit , , , .

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